In vielen Nationalparks, die wir bisher besucht haben, lernt man etwas über die indigenen Völker Australiens, die Aboriginal People und Torres Strait Islander. Meistens geht es dabei um ihre jahrtausendealte Verbindung zum Land, ihre Kultur, ihre Traditionen. Was aber oft fehlt, ist die ganze Geschichte, vor allem das, was passiert ist, seitdem Australien von den Weißen besiedelt wurde. Im Kalbarri National Park war das anders. Hier gab es am Skywalk wirklich gut aufbereitete Informationstafeln, die einem verständlich erklärt haben, was es mit der sogenannten Stolen Generation auf sich hat. Und genau darüber möchte ich euch heute etwas mehr erzählen, denn dieses Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.
Was war die Stolen Generation überhaupt?
Als "Stolen Generations" bezeichnet man mehrere Generationen von Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Kindern, die zwischen ungefähr 1910 und den 1970er Jahren zwangsweise von ihren Familien getrennt wurden. Das geschah nicht heimlich oder im Verborgenen, sondern war über Jahrzehnte hinweg offizielle Regierungspolitik, ausgeführt von staatlichen Behörden, Kirchen und Wohlfahrtsorganisationen. Schätzungen zufolge war mindestens jedes zehnte, manche Quellen sprechen sogar von jedem dritten indigenen Kind betroffen, genaue Zahlen gibt es aufgrund lückenhafter Aufzeichnungen bis heute nicht.
Die Kinder wurden in Heime, Missionsstationen oder zu weißen Pflegefamilien gebracht, oft weit entfernt von ihrer eigentlichen Heimat. Dahinter stand eine erschreckende Logik: Man ging damals davon aus, dass die indigene Bevölkerung ohnehin "aussterben" würde, und wollte vor allem Kinder mit gemischter Abstammung möglichst früh von ihrer Kultur trennen, damit sie sich in die weiße Gesellschaft assimilieren. Den Kindern wurde häufig verboten, ihre eigene Sprache zu sprechen, viele bekamen sogar neue Namen und wuchsen komplett ohne Wissen über ihre Herkunft auf.
Die Folgen für die Familien und die Kinder selbst waren verheerend. Viele der Kinder erlebten in den Institutionen Vernachlässigung, teilweise auch körperlichen und sexuellen Missbrauch. Und selbst wenn sie später als Erwachsene versuchten, ihre Wurzeln und Familien wiederzufinden, war das oft unmöglich, weil Aufzeichnungen fehlten oder Familien einfach zu weit auseinandergerissen worden waren. Das Trauma dieser Politik reicht bis heute über mehrere Generationen fort und ist als sogenanntes intergenerationelles Trauma auch für Nachkommen spürbar, die selbst nie direkt betroffen waren.
Der Weg zur öffentlichen Aufarbeitung
Lange Zeit war dieses Thema in der öffentlichen Wahrnehmung Australiens kaum präsent. Das änderte sich 1997 grundlegend, als der sogenannte "Bringing Them Home"-Bericht veröffentlicht wurde, ein umfangreicher Bericht einer nationalen Untersuchungskommission, der die systematische Trennung der Kinder dokumentierte und ihre Folgen aufzeigte. Dieser Bericht gilt bis heute als eines der wichtigsten Dokumente zur Aufarbeitung dieses Kapitels.
2008 folgte dann ein weiterer historischer Moment: Der damalige Premierminister Kevin Rudd sprach im australischen Parlament eine offizielle Entschuldigung an die Stolen Generations aus, im Namen der Regierung für das Leid, das ihnen durch frühere Gesetze und Politik zugefügt wurde. Dieser Moment wurde von vielen Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Menschen als wichtiger, wenn auch längst überfälliger Schritt wahrgenommen.
Was das für die heutigen Generationen bedeutet
Auch wenn die letzten Zwangstrennungen schon Jahrzehnte zurückliegen, ist das Thema alles andere als abgeschlossen. Viele direkt Betroffene leben noch heute, und das Trauma, das durch die Trennung von Familie, Sprache und Kultur entstanden ist, wird spürbar an die nächsten Generationen weitergegeben, selbst an Enkel und Urenkel, die die Ereignisse selbst nie erlebt haben. Man spricht hier von intergenerationellem Trauma, das sich zum Beispiel in psychischer Gesundheit, im Vertrauen gegenüber Behörden oder auch im Verlust von kulturellem Wissen und Sprache zeigen kann, Dinge, die eigentlich von Generation zu Generation weitergegeben werden sollten, aber durch die Zwangstrennungen einfach unterbrochen wurden. Bis heute sind zudem Indigenous-Kinder in Australien statistisch überproportional häufig in staatlicher Obhut untergebracht, ein Umstand, der von vielen als Fortführung derselben strukturellen Probleme gesehen wird.
Was können wir also tun, gerade auch als Reisende hier im Land? Ich glaube, es fängt schon damit an, sich diesem Teil der Geschichte überhaupt bewusst zu stellen, statt nur die schönen Seiten Australiens zu sehen. Wer mag, kann zum Beispiel gezielt Kunst, Führungen oder Produkte von Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Anbietern unterstützen, viele Nationalparks und Kulturzentren bieten das mittlerweile an. Auch eine kleine Spende an Organisationen wie die Healing Foundation, die sich gezielt für die Heilung der Stolen Generations und ihrer Nachkommen einsetzt, kann etwas bewirken. Und nicht zuletzt hilft es einfach, zuzuhören, sei es durch Bücher, Dokumentationen oder persönliche Gespräche vor Ort, und diese Geschichten weiterzutragen, so wie ich es hier mit euch versuche.
Wie ihr in Australien mehr darüber erfahren könnt
Falls euch das Thema, so wie mich, nicht mehr loslässt, gibt es einige gute Möglichkeiten, euch in Australien weiter damit auseinanderzusetzen:
Viele Nationalparks und Kulturzentren, gerade solche mit Bezug zu indigenem Land, haben mittlerweile ausführliche Informationstafeln oder Ausstellungen zu diesem Thema, wie wir es in Kalbarri erlebt haben. Auch das Australian Museum in Sydney sowie AIATSIS (das Australian Institute of Aboriginal and Torres Strait Islander Studies) bieten online wie auch vor Ort viele Informationen und persönliche Berichte von Betroffenen. Wer es lieber über Film erleben möchte, dem kann ich "Rabbit-Proof Fence" empfehlen, ein bewegender Spielfilm, der auf einer wahren Geschichte basiert und die Thematik sehr eindringlich zeigt. Und wer direkt vor Ort noch mehr lernen möchte, findet in vielen Städten geführte Touren von indigenen Guides, die genau solche Themen aus erster Hand und mit persönlichem Bezug vermitteln, eine der authentischsten Arten, mehr über die wahre Geschichte dieses Landes zu erfahren.
Für mich persönlich war es wichtig, dieses Thema nicht einfach nur am Rande zu erwähnen, sondern ihm einen eigenen Platz hier im Blog zu geben. Australien ist ein wunderschönes Land, keine Frage, aber ein ehrlicher Blick auf seine Geschichte gehört für mich genauso dazu wie die traumhaften Strände und Nationalparks, über die wir sonst hier schreiben.
Ich hoffe, ihr konntet hiermit etwas lernen. Safe travels und bis zum nächsten Mal!
Cheers Jesko






